Leben ist Veränderung

Wandel der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen

 
 

Im letzten Jahrhundert orientierte sich in bürgerlichen Kreisen die Betreuung der Kinder an tradierten Geschlechterrollen: 

Die Mutter war zu Hause und kümmerte sich um die Kinder, der Vater erwirtschaftete das Haushaltseinkommen für die Familie und hatte entsprechend wenig Zeit, sich um die Kinder zu kümmern. Allerdings war er auch in Zeiten der Abwesenheit über seine Verbindung mit der Mutter im Familienalltag präsent.

Nach einer Trennung oder Scheidung wurden die Kinder in der Regel dem Haushalt der Mutter zugeordnet, die fortan als „alleinerziehend“ galt, während der Vater zu Unterhaltszahlungen verpflichtet wurde und ein Umgangsrecht mit seinen Kindern außerhalb des Alltags, üblicherweise an jedem zweiten Wochenende sowie anteilig an Feiertagen und in den Ferien erhielt.Dieses „Residenzmodell“ ist noch heute im deutschen Familienrecht verankert.

Vater mit Tochter beim kochen

Die traditionellen Rollenverteilungen in der Familie haben sich in den nachfolgenden Generationen grundlegend geändert. Die „neuen Väter“ übernahmen zunehmend Aufgaben in der Familie, welche bisher nur Müttern zugeschrieben wurden. Mütter engagierten sich im Zuge der Emanzipationsbewegung zunehmend im Erwerbsleben, nicht nur in Minijob und Teilzeit, sondern auch in Vollzeit und in Führungspositionen. Die Aufgaben in Beruf und Familie verteilten sich zunehmend gleichberechtigt und gleich verantwortlich auf dem Weg zu einer Partnerschaft auf Augenhöhe.

Diese Entwicklung ließ nun auch Raum, um die bisherigen Regelungen für getrennt lebende, ihre Kinder getrennt erziehende Eltern zu überdenken.

2008 wurde im Zuge der Unterhaltsrechtsreform die bislang oftmals lebenslange Versorgung der Frau durch den Mann aufgehoben – das Prinzip der nachehelichen Eigenverantwortung wurde aufgrund der geänderten Rollen von Männern und Frauen deutlich stärker betont. Beim Kindesunterhalt blieb man jedoch beim veralteten Prinzip „der eine Elternteil, zumeist die Mutter, betreut – der andere Elternteil, zumeist der Vater, zahlt“. Die Regelungen zur Ausübung der elterlichen Sorge und zur Betreuung der Kinder bzw. zum Umgangsrecht wurden den gesellschaftlichen Veränderungen nicht konsequent angepasst; noch immer erfolgt nach Trennung und Scheidung eine „Rolle rückwärts“ in alte Rollenmuster.

 

Grafik Entwicklung der gerichtlichen Umgangsverfahren

Immer mehr Eltern kümmern sich nicht nur vor sondern auch nach einer Trennung gemeinsam um ihre Kinder. Väter wollen in die Alltagsbetreuung ihrer Kinder selbstverständlich eingebunden bleiben und nicht nur am Wochenende ihre Elternverantwortung wahrnehmen. Dies zeigt sich unter anderem auch in der zunehmenden Zahl gerichtlicher Umgangsverfahren – von 22.727 im Jahr 1997 auf zuletzt 56.410 im Jahr 2013. Selbst in strittigen Fällen, welche vor dem Familiengericht landen, wird Vätern neben dem Wochenende immer öfter auch die Betreuung der Kinder an Wochentagen ermöglicht.

In diesem Zusammenhang kam in Deutschland erstmals die Frage auf, welche Betreuungsform nach einer Trennung dem „Kindeswohl“ am besten entspricht. Welche Auswirkungen haben unterschiedliche Betreuungsmodelle auf Kinder? Die Bedürfnisse der Kinder rückten damit stärker in den Blick. Aktuell wird sehr intensiv über die Betreuung von Kindern in der Doppelresidenz, auch Wechselmodell genannt, diskutiert.

 
 

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