Wie kommt es dazu, dass Männer (keine) Väter werden wollen?



Männer unter Druck

Vaterschaft und Kindheit haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Eine gestiegene Verantwortung heutiger Väter für eine gelingende Erziehung, eine gute und glückliche Kindheit, eine anspruchsvolle Partnerschaft, aber auch eine finanziell verantwortete Vaterschaft kennzeichnen die Erwartungen, die Väter an sich stellen und zugleich an sie gestellt werden. Gepaart mit der Aufwertung der gesellschaftlichen Stellung des Kindes kommt es dazu, dass Väter Elternschaft oft als schwierige und komplexe Gestaltungsaufgabe wahrnehmen – und das schon vor der Geburt eines Kindes. Nach Susanne Schneider (2014)1, „…sind Eltern heute vielfältigem Druck ausgesetzt (durch Finanzen, Organisation, Leistung im Beruf, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Partnerschaft, erziehungs- und Bildungserfolg u.v.m.). Hierdurch werden sie stärker verunsichert und gestresst als frühere Elterngenerationen.“

Zugleich können Väter und Mütter heute mehr denn je kompetente Hilfe in Anspruch nehmen: Eine große Zahl von Beratungs- und Unterstützungsangeboten steht zur Verfügung (z.B.: Familienberatungsstellen, Ratgeber, Apps, Internet etc.).

Wege von Männern in die Kinderlosigkeit

Auch wenn die Mehrheit der jungen Männer (und Frauen) gerne Kinder möchte, klaffen Wunsch und Wirklichkeit deutlich auseinander. Männer bleiben häufiger kinderlos als Frauen, wie verschiedene Studien zeigen2. So ist z.B. bei kinderlosen Männern ab 45 Jahren die Wahrscheinlichkeit, noch Vater zu werden, sehr gering. Insgesamt bleibt mehr als jeder fünfte Mann dauerhaft kinderlos.

Typische Verläufe sind:

Der wohl häufigste Weg ist das wiederholte Aufschieben der Geburt des ersten Kindes bis zu einem Zeitpunkt, an dem Kinder nicht mehr gewünscht sind, nicht mehr geboren werden können, keine geeignete Partnerin gefunden wird, die berufliche Karriere der Vaterschaft vorgezogen oder die wirtschaftliche Situation als zu risikobehaftet eingestuft wird3.

Die zweite Gruppe bilden die Paare, die Kinder bekommen könnten, aber zu Beginn ihrer Liebesbeziehung unentschlossen sind, sich nicht auf einen Zeitpunkt verständigen oder generell sich dem Thema nicht nähern.

Die dritte Gruppe sind diejenigen, die sich relativ früh im Leben gegen Kinder entscheiden4.

Weitere interessante Fakten finden sich in einer Studie5 zur Kinderlosigkeit des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (2015).

Familiengründung – der richtige Zeitpunkt

In einer Studie der Bertelsmann Stiftung und dem Deutschen Jugendinstitut (2008)6 gaben 90 % der jungen Männer an, dass es ihr Wunsch sei, einmal eine Familie zu gründen. Neben einer festen Partnerschaft spielt für sie der richtige Zeitpunkt eine wichtige Rolle: Unter anderem ein ausreichendes Einkommen und eine gesicherter Arbeitsplatz sollten vorhanden sein.

In Deutschland sind Väter bei der Geburt des ersten Kindes durchschnittlich 33 Jahre alt. Der Kinderwunsch hat sich in den letzten Jahrzehnten immer weiter nach hinten verschoben. Teilweise bleibt er auch auf der Strecke: Ein Viertel der Männer zwischen 35 und 45 Jahren ist kinderlos.

Deutschland gehört zu den europäischen Ländern mit der niedrigsten gewünschten Kinderzahl (vgl.Abb1).7

Grafik Kinderwunsch_kleiner

Abb1: Durchschnittliche gewünschte Kinderzahl von Männern (orange-links) und Frauen (rosa-rechts) im Alter 20 bis 49 in ausgewählten europäischen Ländern8

Die Gründe für diesen vergleichsweise gering ausgeprägten Kinderwunsch sind laut dieser Studie9 in erster Linie darin zu suchen, dass hier bereits seit längerem junge Menschen in einem Kontext niedriger Geburtenrate aufwachsen und dadurch selbst einen geringeren Kinderwunsch entwickeln.

Vaterrolle in Perfektion contra Kinderwunsch

Viele Männer haben den Wunsch, nach der Familiengründung ein neuer, moderner Vater zu sein. Sie möchten viel Zeit mit den Kindern verbringen, möchten an ihrer alltäglichen Versorgung beteiligt sein und Verantwortung in der Erziehung übernehmen. (vgl. Vorwerk, 2013, Familienstudie). Sie haben gute Vorsätze: So wollen 44 Prozent der Männer Elternzeit nehmen. Ein Drittel der Männer kann sich vorstellen, nur halbtags zu arbeiten. Etwa 17 Prozent der Männer würden sogar ganz zu Hause bleiben und sich um das Kind kümmern, damit die Partnerin im Beruf bleiben kann.

Nach einer Studie des Bundesinstitutes für Bevölkerungsforschung (2015)10 glauben Männer heute oft, beides sein zu müssen: Der klassische Vater, der das Familieneinkommen bestreitet, und der aktive Vater, der sich gleichberechtigt in die Betreuung und Erziehung der Kinder einschaltet.

Je höher aber die Ansprüche an Vaterschaft sind, desto niedriger ist der Kinderwunsch, das heißt, der Wunsch nach Perfektion erschwert Elternschaft.

Trotzdem gibt es einen wachsender Trend zu engagierter Vaterschaft. Diese Väter können die Übernahme von Kindererziehung und Haushalt gut in ihr Männerbild integrieren. Die enge Beziehung zu ihrem Kind und die vielfältigen Erlebnisse rund um die Versorgung und Erziehung sind für sie ein persönliches Glückserleben.

Vom Familienernährer zum Basisversorger

Obwohl Männer die Berufstätigkeit von Frauen mehrheitlich positiv sehen, bedeutet das nicht automatisch, dass sich das Leitbild von Männlichkeit und Vaterschaft gleichermaßen gewandelt hat11. Im Kern basiert das Selbstbild des Mannes/Vaters weiterhin auf Merkmalen, die für die Berufsorientierung und die Rolle des Familienernährers stehen. In einer Väterbefragung (Kastner, 2015) erhielten folgende Aussagen: „Die Familie gut versorgen“ (76 Prozent), „berufliche Kompetenz/Fachmann sein“ (60 Prozent) und „Leistungsorientierung/Ehrgeiz“ (57 Prozent) nach wie vor hohe Zustimmung12. Das Leitbild von Männlichkeit und Vaterschaft wird komplexer, ohne dass es sich bisher grundlegend verändert hat.

Neu eingeführte Familienleistungen wie das Elterngeld setzen demgegenüber Anreize für eine stärkere Väterbeteiligung an der Familienarbeit. In die gleiche Richtung weist die Entwicklung eines neuen Leitbilds, das zunehmend an Bedeutung gewinnt: der Mann als moderner Basisversorger (BMFSFJ, 2013)13. Dieses Leitbild ist dadurch charakterisiert, dass es weiterhin auf Existenzsicherung und Erwirtschaftung des Familieneinkommens bezogen bleibt, die Verantwortung dafür aber nicht mehr allein dem Mann beziehungsweise Vater zuweist. Zudem enthält es verstärkt gleichheitsorientierte Partnerschaftsauffassungen und Persönlichkeitsmerkmale.

Beide Leitbilder – Familienernährer und moderner Basisversorger – bestehen heute parallel nebeneinander. 45 Prozent der Mütter und 41 Prozent der Väter präferieren das Leitbild des Basisversorgers: Sie sehen beide Partner in der Verantwortung, in etwa zu gleichen Teilen zum Familieneinkommen beizutragen.



1Susanne Schneider (2014) , Die Bedeutung der Medien vor der Geburt, Springer Verlag
2Karsten Kassner, 2014, Väter heute: Leitbilder, Lebensrealitäten und Wünsche http://www.bpb.de/politik/innenpolitik/familienpolitik/185323/vaeter-heute
3BIB 02/2015, Gewollt oder ungewollt? Der Forschungsstand zu Kinderlosigkeit Jürgen Dorbritz, Ralina Panova und Jasmin Passet-Wittig
4BIB 02/2015, ebenda, S. 35
5BIB 02/2015, ebenda, S. 36
6Studie der Bertelsmann Stiftung und dem Deutschen Jugendinstitut (2008) Wege in die Vaterschaft: Vaterschaftskonzepte junge Männer
7Geburten und Kinderwünsche in Deutschland: Bestandsaufnahme, Einflussfaktoren und Datenquellen, FFP 2013 S. 49-50
8Geburten und Kinderwünsche in Deutschland: Bestandsaufnahme, Einflussfaktoren und Datenquellen, FFP 2013 S. 50 9Ebenda FFP 2013, S 51
10BIB 03/2015, LEIDbild Elternschaft, PM
11Karsten Kassner, 2015, Väter heute: Leitbilder, Lebensrealitäten und Wünsche http://www.bpb.de/politik/innenpolitik/familienpolitik/185323/vaeter-heute
12Karsten Kassner, 2015, ebenda
13BMFSFJ (Hg.) (2013): Jungen und Männer im Spagat: Zwischen Rollenbildern und Alltagspraxis. Eine sozialwissenschaftliche Untersuchung zu Einstellungen und Verhalten, S. 13 ff, Berlin



Linkliste zum Weiterlesen

• Karsten Kassner (2014), Väter heute: Leitbilder, Lebensrealitäten und Wünsche

• Diana Baumgarten (2012), (Nicht) Vater werden und (nicht) Vater sein heute

• Männer wünschen sich später Kinder als Frauen (2015)

• BiB Working Paper 2/2015, Gewollt oder ungewollt? Der Forschungsstand zu Kinderlosigkeit, von Jürgen Dorbritz, Ralina Panova und Jasmin Passet-Wittig

• Geburten und Kinderwünsche in Deutschland: Bestandsaufnahme, Einflussfaktoren und Datenquellen, FFP (2013)

• DGB Bundesvorstand / ver.di Bundesverwaltung(Hg.) (2015): Väter in Elternzeit. Ein Handlungsfeld für Betriebs- und Personalräte, Berlin

• Peter Döge (2007), Männer - auf dem Weg zu aktiver Vaterschaft?

• Studie über Väter und Teenager: Kinderwunsch bestimmt Beziehung (2013)

• Prognos AG (2005): Väterfreundliche Maßnahmen im Unternehmen. Ansatzpunkte – Erfolgsfaktoren – Praxisbeispiele. Basel, (pdf-Download)

• Vater sein in Nordrhein-Westfalen Ergebnisse einer Studie (Broschüre zum Download)

• Vater sein in Nordrhein-Westfalen Erfahrungen, Stimmungen, Empfehlungen (Broschüre zum Download)

• Inanspruchnahme von Elternzeit durch Väter in Nordrhein-Westfalen (Broschüre zum Download)

Auf vaeter.nrw:

• Wissenschaft: Warum werden manche Männer Väter und andere nicht?

• Praxis: Vater werden? - Die Entscheidung

• Umfrage: Vorwerk Familienstudie 2012


Zuletzt geändert am 04.07.2015 um 00:25

Zurück
 

Kontaktmöglichkeiten

 
 

Allgemeine Fragen oder Fragen zur Website:
info@doppelresidenz.org

Presseanfragen:
presse@doppelresidenz.org

Nachricht an die Redaktion:
redaktion@doppelresidenz.org

Veranstaltung mitteilen:
veranstaltungen@doppelresidenz.org

Markus Witt, Sprecher von doppelresidenz.org:
Mobil: +49 (0) 177 235 68 21

Cornelia Spachtholz, Sprecherin von doppelresidenz.org
Mobil: +49 (0) 178 514 16 38

Die nächsten Veranstaltungen

 
 
  • zur Zeit sind keine Einträge vorhanden
© 2020 doppelresidenz.org - Projektgruppe "Doppelresidenz" I ImpressumDatenschutzerklärungWebdesign Berlin: Mouseevent